Stellungnahme zur geplanten Änderung der Verordnung über den Rebbau und die Einfuhr von Wein
«Als junge Weinhändlerin, die vor 4 Jahren in zweiter Generation einen kleinen Weinimport- und Handelsbetrieb in Stäfa am Zürichsee übernommen hat, liegt es mir am Herzen, zu Ihren geplanten Änderungen der Gesetze für den Schweizer Weinimport Stellung zu nehmen.»
Sehr geehrter Bundesrat Guy Parmelin
Sehr geehrte Mitglieder des Bundesrates
Bewegung in der Weinbranche
Die Weinbranche befindet sich stark im Wandel. Das betrifft sowohl die Schweiz wie auch das Ausland. Der Konsum sinkt seit Jahren, gesellschaftliche Trends beschleunigen diese Entwicklung nochmals. Hinzu kommen starke klimatische Veränderungen sowie globale Wirtschafts- und Handelskrisen. Ohne Frage, es gibt auch eine Weinkrise, die Frage ist nur, wie darauf reagiert werden soll.
Weintrinkerinnen und Weintrinker suchen vermehrt Qualität statt Quantität und konsumieren Wein bewusster. Darauf reagieren Schweizer Winzerinnen und Winzer, die sich dank qualitativ hochwertigen, vermehrt biologischen und einzigartigen Produkten im Markt positionieren und insbesondere in der Gastronomie an Bedeutung gewonnen haben. Die Mehrheit der Schweizer Weingüter hat keine Absatzprobleme, im Gegenteil! Ihre Ware ist heissbegehrt. Auch die Weinhandelsbranche reagiert, indem sie seit Jahren immer weniger Wein in die Schweiz importiert. Viele renommierte Weinhandlungen schrumpfen oder schliessen sogar. Der Absatz ist nicht mehr garantiert, rund 3500 Betriebe mit 15’000 Angestellten sind von dieser neuen Regelung betroffen.
Der Weinimport als Sündenbock
Die geplante Verordnung sowie auch der Zeitpunkt zur Kopplung von Importen an Inlandleistungen irritieren mich, denn ich finde die Änderungen absolut nicht zielführend, um den Schweizer Weinbau zu fördern oder den rückläufigen Konsum zu bremsen. Hier wird meines Erachtens der erstbeste Sündenbock (wie wärs mit Ausländer?) herangezogen. Es ist viel zu einfach gedacht, dass der Import ausländischer Weine allein und generell die Schweizer Winzerbetriebe in Bedrängnis führt. Eher hat die Liberalisierung des Weinimports in den Nullerjahren zur Erhöhung der Qualität von Schweizer Weinen beigetragen. Und seither sind keine Schwimmbäder mit überschüssigem mehr Wein gefüllt worden.
Die Produktionsmenge an Schweizer Wein deckt die Inlandnachfrage nach Wein nach wie vor nicht, weshalb es Importe braucht. Es fragt sich nur, was wir importieren. Problematisch sind billige Massenweine im Supermarkt, die den Markt verzerren, wie z.B. ein Moscato für CHF 2.95 im Lidl. Das ist ein unverschämter Preis, wenn man die Kosten kennt, die hinter einer Flasche Wein stecken. Hier verdient weder der Traubenbauer, der Weinkelterer noch der Transporteur etwas an diesem Wein. Das ist Industrieabfertigung, die Kopfweh verursacht. Hier müsste angesetzt werden, doch mit der geplanten Verordnung gewinnen genau die Player, die diese Billigware anbieten.
Die Grossen profitieren, die Kleinen verlieren
Am Ziel, denInlandweinbau zu stärken, finde ich grundsätzlich nichts falsch. Doch ich frage mich, auf welche Kosten das geht. Der Weinimportmarkt ist sehr divers, es gibt sowohl grosse marktführende Player wie Coop oder Denner bis zu sehr kleinen Weinhandlungen wie unsere mit einer sorgfältig ausgewählten Selektion an Weinen von kleinen, handwerklichen Weingütern. Die bisherige liberale Zollhandhabung ermöglichte es auch kleinen Weinhandlungen, Weine zu erschwinglichen Preisen anzubieten, die Zollpolitik unterschied nicht zwischen grossen und kleinen Betrieben. Doch von der geplanten Reform profitieren vor allem die Grossen, denn mit eigenen Abfüllungen erfüllen sie die Inlandleistungen bereits und können zudem lukrativen Zertifikatshandel anbieten.
Kleine und mittelgrosse Weinhandlungen jedoch müssen sich der neu geschaffenen Bürokratie beugen. Dies ist kein fairer Deal, zumal auch selbstkelternde Winzerinnen und Winzer aus dem Zertifikatshandel ausgeschlossen werden, und diese machen mit 65% doch mehr als die Hälfte der Wein produzierenden Betriebe in der Schweiz aus. Das heisst, auch hier profitieren hauptsächlich grössere Kellereien oder nur solche Winzerbetriebe, die Trauben zukaufen. Dabei sind es doch hauptsächlich die Selbstkelternden, die sich mit ihrer Arbeit einen Namen machen und den Schweizer Weinbau mit ihren Stimmen und Gesichtern vertreten. Ihnen würde ich als kleine Weinhandlung lieber ein Zertifikat abkaufen als einer Kellerei oder einem Grosshandel.
Rückgang des Konsums wird so nicht gestoppt
Dieses System wird den rückläufigen Weinkonsum nicht stoppen. Es wird den Weinhandel verkomplizieren und ausländische Weine ungleichmässig verteuern. Kaum wird der Moscato im Lidl dann neu CHF 5.- kosten (CHF 2.50 wären nämlich zusätzlicher Zoll pro Flasche), denn Lidl wird keine Probleme haben, die Inlandleistungen zu erfüllen. Weinliebhaberinnen und -liebhaber werden nicht einfach plötzlich lieber auf Schweizer Wein zurückgreifen, denn sie suchen Vielfalt und Qualität. Wein ist eben nicht eine Karotte, die die Konsumierenden bevorzugt aus der Region kaufen anstatt aus dem fernen Spanien. Wein ist und war schon immer ein globales Produkt, das dank der Vielfalt der Sorten, Regionen, Klimata und Stile geschätzt wird.
Konstruktive und faire Lösungen sind gefragt
Wenn das Problem der kriselnden Weinbranche über Zölle gelöst werden soll, so soll das meiner Meinung nach wenigstens fair und pragmatisch sowie unkompliziert erfolgen. Wenn das Zollkontingent nie ausgeschöpft wird, weshalb wird es nicht aufgelöst und neue Zölle festgelegt (z.B. doppelt so viel wie im aktuell geltenden Zollkontingent), die für alle gleich gelten, anstatt mit sechsfach höheren Zöllen zu drohen, wenn keine Inlandleistung erbracht wird. Vielleicht ist der Import für Billigweine dann weniger attraktiv, wenn die Kosten für den Zoll verhältnismässig höher ausfallen.
Die Mehreinnahmen durch diese Zölle könnten in Präventions- und Aufklärungsarbeit sowie direkt in die Schweizer Weinproduktionsbranche investiert werden, damit diese sich organisieren, neu erfinden und ihre Swissness positionieren kann.
Die Schweizer Winzerbetriebe exportieren mit 2% bisher erstaunlich wenig ihrer Weine ins Ausland. Mir sind einige Winzerinnen und Winzer bekannt, die nun auch auf Export setzen, denn Schweizer Weine sind mehrheitlich unbekannt im nahen und fernen Ausland, werden aber sehr geschätzt. Ich sehe ein grosses Potenzial im Exportmarkt.
Abschliessendes Wort
Wir Weinhändlerinnen und Weinhändler haben wirklich schon genug zu tun, um den Wein als Genussmittel hochzuhalten, damit er nicht als nur gesundheitsschädliche Droge abgetan wird! Die geplante Verordnung ist sehr einseitig und soll fördern, indem andere geschädigt werden. Sie schafft unnötige Bürokratie und ist unfair. Dies ist für mich nicht mit einem freien Markt und liberalen Staat vereinbar. Es ist protektionistisch, aber nicht lösungsorientiert. Ich verstehe nicht, weshalb der Bundesrat, der im Jahr 2018 den gleichen Vorschlag noch entschieden abgelehnt hat, diesen nun wieder aus der Schublade holt, ohne sich neue, innovative Gedanken dazu zu machen. Und am Schluss leiden die Konsumentinnen und Konsumenten darunter, die tiefer in die Tasche greifen müssen und deshalb vielleicht noch weniger Wein trinken.
Ich bitte Sie als Bundesrat deshalb, die geplante Reform zu unterlassen und fairere Lösungen zur Förderung der Schweizer Weinbranche zu suchen, ohne dabei anderen zu schaden.
Mit freundlichen Grüssen
Florence Woodtli
Geschäftsführerin Cavino Genossenschaft
Stäfa den 12.05.2026
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Weiterführende Informationen
Gesetzestext: Änderung der Verordnung über den Rebbau und die Einfuhr von Wein
VWS Vereinigung Schweizer Weinhandel: Vernehmlassungsunterlagen
Petition Victor Ledermann: Nein zum neu geplanten, absurden Zollregime für Weinimporte. Eine Schnapsidee zum Weinen!
Blog Victor Ledermann: Par malheur – Bundesratswinzer Parmelin bereitet den Weinskandal der anderen Art vor
Blog Victor Ledermann: Berichte über neu geplantes Importregime für Wein – Sturm über dem Genfersee
NZZ Beitrag: Westschweizer Winzer wollen Protektionismus: «Chasselas statt Bordeaux und Burgunder»